Merian magazine 02/96 - page 1/4
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Erde knirscht...

Aus achttausend Metern Höhe erscheint das Land wie tot. Wie ausgestoßen von der Schöpfung. Kein Zeichen von Leben, kein Grün, keine- Siedlung, nur da und dort der Spinnenfaden einer Staubpiste, die vom Nichts ins Nichts führt. Graubraune Einöde, von der Küste bis zum Kamm der Kordillere am östlichen Horizont, ausgedörrt von einer erbarmungslosen Sonne, abgeschnitten vom Lebensquell des Wassers, eine Mondlandschaft: die Atacama, die große Wüste des Kontinents.

Die Maschine stößt im Sinkflug auf das Meer hinaus, schwenkt in weitem Bogen zurück, schwebt auf die Steilküste zu, die hundert Meter senkrecht zum Pazifik abfällt, und rollt auf dem Wüstenplateau aus: Wir sind in Antofagasta gelandet, zwanzig Kilometer vor der Stadt, in einem topographischen Nirwana.

Ein kalter Wind schlägt uns entgegen. Wir stehen unter dem Wendekreis des Steinbocks, auf dem gleichen Breitengrad wie Rio de Janeiro, aber der Pazifik wirkt wie ein riesiger Kühlschrank. Die Temperaturen steigen selbst im Sommer kaum über zwanzig Grad. Jetzt, im August, treibt der Winternebel, die camanchaca, vom Meer landeinwärts und läßt die Sonne zu einer kraftlosen milchigen Scheibe verblassen. "Küste der verlorenen Seelen" - wo habe ich das gelesen, aus welchem Verlies der Erinnerung taucht das Wort jetzt auf?

Bis vor 150 Jahren war hier kein Haus, kein Hafen, keine Straße. Dies war kein Landstrich, wo der Mensch sein Leben fristen konnte. Erst die Aussicht auf Beute, ließ ihn die Stadt Antofagasta gründen. Die Beute lag in der Wüste: ein unansehnliches grauweißes Salz - Salpeter. Heute erstreckt sich Antofagasta über fast 20 Kilometer auf dem schmalen Streifen zwischen Meer und Küstenkordillere, einen Elendskranz von Bretterbuden immer weiter die nackten Berghänge hinaufschiebend. Mehr als 200 000 Menschen wohnen in der Capital Minera, der Bergbau-MetropOle, wie

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DIE ARBEITER IN DER KUPFERMINE
VON CHUQUICAMATA ZÄHLEN ZU DEN
BESTBEZAHLTEN VON GANZ CHILE

sich die Stadt stolz nennt. Die neuen Betonbauten blicken hochmütig auf die alte Salpeter-Mole herunter, die unter Denkmalschutz im Hafen verrottet, aber der Wildwest-Geist weht noch immer durch die Stadt. Sie ist ein Kind der Wüste, geblieben, nur daß die große Beute heute nicht mehr Salpeter, sondern Kupfer heißt.

Abends, im Speisesaal des Hotels, sitzen sie und trinken ihr Bier, die Legionäre des roten Goldes - Männer aus aller Herren Länder, massige Körper, gegerbte Gesichter, zupackende Hände: Spezialisten für Bohrungen, für Sprengungen, für Hochöfen, für Schwertransporter, für komplizierte chemische Anlagen. Sie sind überall zu Hause, wo sie gebraucht werden, in der Atacama, in Sibirien, in Australien. Länder und Völker zählen nicht in diesem Geschäft, die Arbeit ist überall gleich, das Essen überall lausig und die Schlafstätten ebenso, was zählt, ist allein der Dollar. Morgen früh steigen die einen ins Flugzeug nach Santiago, der Drehscheibe zur Welt, und die anderen fahren zurück ins campamento, nach Chuquicamata oder La Escondida - "Adiós, mach's gut, take care..."

In langen Serpentinen schraubt sich die Straße von Antofagasta tausend Meter hoch auf die "Pampa", das Zentralplateau der Atacama. Zwei andere Lebensstränge begleiten das Asphaltband: die Wasserleitung, die das Schmelzwasser von den Anden über Hunderte von Kilometern quer durch die Wüste an die Küste bringt, und die Eisenbahn Antofagasta-La Paz, der legendäre Schienenstrang, der die Atacama durchschneidet. Längst ist der Personenverkehr eingestellt, aber noch immer ist die Bahn die Nabelschnur, die Antofagasta mit seinen Schatzkammern verbindet, einst dem Salpeter, heute dem Kupfer.

Die Vergangenheit hat ihre Skelette in der Atacama hinterlassen. Die Ruinen der Salpeterstädte säumen die Wüstenpisten wie Fossilien eines versunkenen geologischen Zeitalters. Die Menschen sind verweht wie Flugsand, geblieben sind die verfallenen campamentos, verdorrte Bäume, zerbröckelnde Mauern, ganze Fabrikanlagen, die wie die surrealistische Kulisse zu einem Fellini-Film anmuten. Nichts rostet in der trockenen Luft, nichts löst sich auf. Keine Katze streicht herum, kein Vogel ruft.

Hier wäre nun der große Roman des Salpeters zu erzählen, die Saga vom schnellen Reichtum und vom großen Elend, von einem Rausch, der so plötzlich verflog, wie er gekommen war, von Krieg und Gewalt, von Helden und armen Teufeln - eine Geschichte, ohne die Chile nicht zu denken ist.

Beschränken wir uns auf die Kurzfassung: Am Anfang war, ein Deutscher:

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Last update: 7-Jul-1999 by Ph. Noth