Merian magazine 02/96 - page 2/4
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Kein Vogel ruft...

der Forschungsreisende Thaddeus Peregrinus Haenke. Er entdeckte zu Beginn des 19. Jahrhunderts, daß der Wüstenboden der Atacama sozusagen geschwängert war mit Natriumnitrat, vulgo Salpeter. Man brauchte nur ein bißchen zu kratzen, und schon kam es zum Vorschein. Salpeter aber war Gold wert: Aus dem Zeug ließ sich Schießpulver machen - ein Bombengeschäft.

Nicht lange darauf entdeckte ein anderer Deutscher, nämlich Justus Liebig, daß sich Salpeter auch friedlich nutzen ließ: als Kunstdünger. Nun ging der Boom erst richtig los. In wenigen Jahren schossen die oficinas salitreras (Salpetergruben) wie Pilze aus dem Wüstenboden. Häfen wurden gebaut, Schienenwege gelegt und Millionen verdient. Abenteurer wie die Engländer James Humberstone und John Thomas North, die als junge Ingenieure in die Wüste kamen, stiegen zu Herren über riesige Salpeter- und Eisenbahnimperien auf.

Nun war die Atacama keineswegs Niemandsland. Die Nordhälfte mit der Hafenstadt Iquique gehörte zu Peru, die Südhälfte mit Antofagasta zu Bolivien. Das benachbarte kleine Chile bekam zusehends große Augen. Der Salpeterrausch jenseits der Grenze ließ es nicht ruhig schlafen.

Als die bolivianische Regierung im Jahre 1879 den Fehler beging, der chilenischen Salpetergesellschaft in Antofagasta mit Enteignung zu drohen, schlug Chile zu. Ein Marinekommando besetzte kurzerhand die Stadt und zog die chilenische Fahne auf,

Die Antwort war der Krieg: Bolivien und Peru gegen Chile, zwei geographische Goliaths gegen einen David. Aber es waren zwei Goliaths auf tönernen Füßen. Chile zerschmetterte sie in vierjährigen harten Feldzügen - mit Hilfe

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GEBÄLK AUS KAKTEENHOLZ: DIE IM
JAHR 1744 ERBAUTE KIRCHE SAN PEDRO
IN DER OASE SAN PEDRO DE ATACAMA

nagelneuer Krupp-Kanonen, auf denen der chilenische Wappenspruch gleich vom deutschen Hersteller eingraviert worden war: Por la razón o la fuerza - Mit Vernunft oder mit Gewalt.

Die Bolivianer lagen schnell am Boden, die Peruaner leisteten erbitterten Widerstand. Ihre letzte Bastion an der Küste war der Morro von Arica, ein steiles Felsmassiv das Stadt und Hafen beherrscht. Die Peruaner hatten ihn mit englischen Festungskanonen, die heute noch zu besichtigen sind, zu einem uneinnehmbaren Bollwerk ausgebaut. Aber die Chilenen rollten den Berg von der Rückseite auf. Der Sturmangriff auf den Festungskern am 7. Juni 1880 wurde mit dem Bajonett geführt. Der peruanische Kommandeur, Oberst Francisco Bolognesi, der die Kapitulation abgelehnt hatte, fiel als einer der letzten Verteidiger. Heute ist der Morro ein chilenisches Nationalheiligtum.

Der Krieg dauerte danach noch drei Jahre. Er endete erst 1883, nachdem ein chilenisches Expeditionskorps, dreitausend Kilometer von Santiago entfernt, die peruanische Hauptstadt Lima sowie die wichtigsten Häfen besetzt hatte. Die Friedensbedingungen waren hart: Peru verlor alle Gebiete südlich von Tacna, und Bolivien wurde ganz vom Meer verdrängt. Die Atacama mit ihren Salpeterfeldern fiel vollständig an Chile. Der militärische Triumph hinterließ tiefe Spuren im chilenischen Nationalgefühl. Er prägte das Elite-Bewußtsein der chilenischen Armee und begründete mehr als alles andere den Mythos der chilenidad, in dem sich die Identität eines Volkes spiegelt, das bis dahin wie verloren am Rand der Weit lebte.

Im ganzen Norden, von Antofagasta bis Arica, verkünden Denkmäler den Ruhm der chilenischen Waffen und besonders eines Mannes, der zum Nationalhelden wurde: Kapitan Arturo Prat. Er nahm in der Bucht von Iquique, mit einer alten Holzfregatte den Kampf gegen ein modernes Panzerschiff der Peruaner auf und opferte sein Leben beim selbstmörderischen Versuch, das feindliche Schiff zu entern. Jedes chilenische Schulkind lernt diese Geschichte. "Daß der Glanz seiner Tat dich stolz machen möge, Chilene zu sein", mahnt das große Prat-Monument in Iquique.

Mit dem Sieg im Salpeterkrieg brach für Chile das goldene Zeitalter an. Über Nacht war es ein reicher Staat geworden. Es besaß praktisch das Weltmonopol für Salpeter und deckte mit den Steuereinnahmen die Hälfte seines Staatshaushalts. Ungeheure Vermögen wurden in wenigen Jahrzehnten verdient. Aber es war ein trügerischer Glanz, und er war mit dem Elend der pampinos, der Salpeterarbeiter erkauft,

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Last update: 7-Jul-1999 by Ph. Noth