Merian magazine 02/96 - page 4/4
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tung über die Kupferschmelze bis zur Verladung der fertigen Platten - läuft 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

Chuquicamata berauscht sich an Zahlen. 2,5 Milliarden Tonnen Reserve stecken noch in der Erde, ausreichend für weitere dreißig Jahre. Und dann? Danach fragt keiner. Die Wüste hat ihre Schätze noch längst nicht preisgegeben. Die Grube La Escondida ist schon dabei, Chuquicamata den Rang abzulaufen. Denn "Chuqui", wie es zärtlich genannt wird, ist nur ein Glied im staatlichen Kupferkonzern Codelco. Er liefert zwanzig Prozent der Weltproduktion und ist, wie einst der Salpeter, das Tischleindeckdich der chilenischen Staatskasse: In den sechziger und siebziger Jahren verstaatlichten die Regierungen Frei und Allende die Kupferindustrie, und die Militärregierung unter General Pinochet beließ es dabei, nachdem sie per Gesetz verfügte, daß zehn Prozent des Reingewinns an die Armee abzuführen seien. Seither brauchen sich die Generäle um Geld nicht mehr zu sorgen.

Rund 17 000 Menschen leben heute in Chuqui. Das campamento ist kein Barackenlager mehr, sondern ein adrettes Getto mit Einfamilienhäusern für die Kategorie B (Leitende Angestellte) und Reihenhäusern für die Kategorie A (Arbeiter). Alle wohnen mietfrei, alle haben kostenlose Versorgung im betriebseigenen Hospital, einem der besten in Chile. Die B-Familien bekommen pro Jahr einen Freiflug in die Ferien, und ihre Kinder können auf Firmenkosten an einer Universität ihrer Wahl studieren.

Chuqui ist ein komfortables Getto, aber es ist ein Getto für die A- wie für die B-Leute. Man ist nicht hier, um zu leben, sondern um Kupfer aus der Erde zu holen. Und außer dem Kupfer gibt es nichts. Hinter den Abraumhalden ist die Wüste. Die Wüste: Sie holt jeden ein, der hier lebt. Früher oder später. Es stimmt ja nicht, daß der Mensch sie sich unterworfen hat. Sie bleibt die wahre Herrin. Chuquicamata ist, von oben gesehen, nur ein kleiner Kratzer, ein unbedeutendes Pünktchen kaum wahrnehmbar in der Weite der Atacama. Der Mensch bleibt einsam hier, inmitten seiner phantastischen Maschinen.

Einsamkeit der Wüste: Sie ist der große Schrecken und zugleich die große Verlockung. Ihr Geschenk ist die Freiheit, und wer sie sucht, der findet sie, sofern er den Mut hat, die Welt der Maschinen und der Computer, die Welt des gestanzten Daseins, hinter sich zu lassen. Das Asphaltband, das die Wüste durchschneidet, führt nach San Pedro de Atacama, dem Ort, der der Wüste den Namen gab. Wer hier ankommt, betritt eine andere Welt und eine andere Zeit. San Pedro: Das ist nicht mehr als ein paar staubige Straßen, ebenerdige Adobe-Häuser, weiß getüncht, eine Plaza mit schattigen Algarrobo-Bäumen, eine alte Kirche mit Mauern wie eine Festung und einem Dach aus Kakteenholz und in der Ferne der makellose Kegel des Licancábur, sechstausend Meter hoch unter dem blendenden Wüstenhimmel. Hier muß man Zeit haben. Dann begegnet man der Atacama.

Der Ort ist uralt. Älter als Antofagasta, als Iquique, als all die Städte an der Küste. Seit Jahrtausenden siedelten hier die Atacameños, denn es gibt Wasser hier das von den Bergen kommt und im großen Salzsee, dem Salar de Atacama, versickert. Vor fünfhundert Jahren unterwarfen die Inkas die Atacameños, und kurz danach unterwarfen die Spanier die Inkas. Die Spanier kamen nicht vom Meer her, sondern stiegen wie die Inkas vom bolivianischen Altiplano herunter. Der Räuberhauptmann Francisco de Aguirre stürmte mit dreißig gepanzerten Reitern und ein paar Musketen die Inkafestung, deren Ruinen heute noch zu sehen sind, enthauptete die Kaziken und ließ ihre Köpfe auf den Mauern aufspießen. Dann weihte er den Ort dem heiligen Petrus und ließ eine Kirche errichten. Das war 1540. So trat San Pedro de Atacama in die Neuzeit ein.

Jahrhunderte war der Ort Rastplatz auf den Maultierpfaden, die von der Kordillere durch die Atacama führten, aber es ist nichts Rechtes daraus geworden. San Pedro blieb, was es war, ein verlorenes Nest am Rand der Wüste. Hier gab es nichts zu holen, kein Salpeter, kein Kupfer. Glücklicherweise. Denn so kam San Pedro als ein Denkmal des Kolonialzeitalters in die Gegenwart.

Vielleicht wäre das Dorf längst ausgestorben, wie viele andere, wäre nicht Pater Le Paige gewesen, ein glaubensstarker Jesuit aus Belgien. Der Orden hatte ihn Anfang der fünfziger Jahre als Dorfpfarrer in die Einöde geschickt, was einem Strafposten gleichkam, aber Le Paige war bald besessen von der Wüste. Er wurde zum Archäologen und entschleierte ein anderes Geheimnis der Atacama: Er grub die Zeugnisse ihrer frühen Bewohner aus, ihre Wohnstätten, ihre Gräber, ihre Werkzeuge. In jahrzehntelanger Arbeit trug der Dorfpfarrer eine der bedeutendsten ethnographischen Sammlungen Südamerikas zusammen, von jahrtausendealten Mumien bis zu Rauschgiftgeräten aus der Inkazeit. Sein Lebenswerk füllt heute das Museum von San Pedro - sein Geschenk an die Nachkommen eines Volkes, das die Erinnerung an die eigene Vergangenheit längst verloren hat.

"Man muß ein Ziel haben, auch in der Wüste, sonst geht man unter", sagt Martin. Er ist Europäer, Schweizer, ein Zivilisationsflüchtling. Er hört das Wort nicht gern, es klingt so schlaff, und Martin ist das Gegenteil davon. Er lebt in San Pedro, weil die Wüste frei macht, weil sie dem Menschen erlaubt, bei sich zu sein - nein: weil sie ihn dazu zwingt.

Wir sind auf das Hochplateau gefahren, wo die Piste endet, und gehen zu Fuß weiter. Wir bewegen uns auf dreitausend Meter Höhe. Das Licht schießt wie mit spitzen Pfeilen in die Augen, die Luft ist gläsern und vollkommen trocken. Es ist heiß unter dieser Sonne, aber wir schwitzen nicht. Die Trockenheit läßt jeden Tropfen auf der Haut sofort verdunsten. Wir spüren den Speichel in der Mundhöhle wie ein kostbares Gut.

Unsere Schritte knirschen auf dem harten Wüstenboden. Es ist das einzige Geräusch, das wir hören. Eine penetrantes Geräusch. Es fragt dich bei jedem Schritt: Wohin? Wie weit noch? Warum? Es ist das Geräusch, das sie alle begleitete auf dem Marsch durch die Atacama - die Spanier, die Abenteurer, die Maultiertreiber, die Salpetersucher, die Soldaten mit der chilenischen, bolivianischen, peruanischen Kokarde: das Knirschen ihrer Stiefel auf diesem ausgedörrten gelbbraunen Boden. Wochenlang. Monatelang. Hinter einer Wanderdüne machen wir halt. In einer Senke ragen handhoch Mauerreste aus dem Boden, eine vorgeschichtliche Siedlung. Archäologen haben Steinwerkzeuge hier gefunden. Einst muß hier Wasser gewesen sein, dann versickerte es, oder das Rinnsal änderte seinen Laut Auf dem Boden liegen Tonscherben zu Hunderten. Der Wind weht sie zu und weht sie wieder frei. Wie alt mögen sie sein? Tausend Jahre? Zweitausend?

Wir setzen uns auf die zerbröckelten Lehmmauern, vor uns der Kamm der Kordillere, die Kette der erloschenen Vulkane, das Grenzgebirge. Dahinter liegt Bolivien und träumt vom verlorenen Zugang zum Meer.

Wir reden nicht. Wir hören auf das Schweigen der Wüste. Langsam wird es in uns selbst still. Sitzen und der Wüste zuhören - wie einfach alles ist, und wie unendlich töricht wir sind.

Die Sonne geht schnell unter. Der Boden kühlt ab, er hält die Wärme nicht. Die Atacama entfaltet ihre große Farbenorgie: leuchtendes Ocker, Karminrot, Purpur, Violett, Tintenblau. Der Gipfel des Licancábur glüht im letzten Licht. Tata Maiko Linkanko nannten ihn die Indios, Gottvater Linkanko. Es war der heilige Berg der Inkas. Sie haben ihn angebetet.


HEINRICH JAENECKE, Jahrgang 1928, ist freier Autor und lebte lange Jahre in Südamerika. Er wohnt heute in der Nähe von Hamburg.
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Last update: 7-Jul-1999 by Ph. Noth